Im Kommen: Olivenölverkostungen in Großbritannien
Dank Kochsendungen, dem Internet und der Verfügbarkeit von hochwertigem Olivenöl möchten die Briten nun die Geheimnisse dieses Produkts besser verstehen.

Noch vor zehn Jahren hätten viele Briten die Vorstellung, Olivenöl auf der Zunge zergehen zu lassen, belächelt. Bier, Wein, Whisky und Käse haben in Großbritannien seit jeher die Gaumen der Feinschmecker verwöhnt. Doch eine Auswahl von zehn Sorten gepresstem Olivenöl zur Verkostung anzubieten, schien zu gewagt. Schließlich diente Öl zum Kochen – nicht zum puren Genuss. All das hat sich geändert. Dank einer Kombination aus Kochshows, dem Internet und der zunehmenden Verfügbarkeit von hochwertigem Olivenöl wollen die Briten nun die Magie hinter dem Produkt verstehen und zum Ausdruck bringen.
Man könnte dem Vereinigten Königreich verzeihen, dass es etwas langsam auf den Zug aufgesprungen ist. Das Klima dieser exponierten Inselnation eignet sich nicht für den Olivenanbau. Es stimmt zwar, dass die Römer den Briten vor vielen Jahrhunderten Olivenöl näherbrachten, doch laut Stuart Jeffries in The Guardian „war es für die lokale Bevölkerung etwa so attraktiv wie das Tragen von Togas und Sandalen mit offenen Zehen“. Historisch gesehen wurde auf Brot ausnahmslos Butter verwendet, während zum Kochen Pflanzenöl und weiße Schmalzstücke zum Einsatz kamen. Die Vorstellung, Öl über Salate und Brot zu träufeln, hätte für Stirnrunzeln gesorgt.
Es dauerte bis in die frühen 1990er Jahre, bis Olivenöl erstmals spürbare Auswirkungen auf die britischen Essgewohnheiten hatte. Seitdem ist ein stetiger Anstieg des Verbrauchs zu verzeichnen; zwischen 1990 und 2009 stieg der Anteil des Vereinigten Königreichs am weltweiten Olivenölverbrauch von 1,9 Prozent auf 2,9 Prozent, da Starköche wie Jamie Oliver, Nigella Lawson und Gordon Ramsay die Briten dazu inspirierten, auf Olivenöl umzusteigen. Ebenso hat die Zahl der Verkaufsstellen für Olivenprodukte zugenommen, sowohl im stationären Handel als auch online. Heute, so das Food and Drink Innovation Network, verbraucht das Vereinigte Königreich 28 Millionen Liter Olivenöl pro Jahr, und die Hälfte der britischen Haushalte verwendet mittlerweile Olivenöl.
Trotz des stetigen Anstiegs des Olivenölverbrauchs wird ein Großteil davon zum Kochen oder zum Mischen mit anderen Zutaten verwendet. Doch einige Pioniere bringen den Briten bei, wie man ein Öl bewertet und Herkunft, Sorten sowie komplexe Aromen und Geschmacksnuancen zu schätzen weiß. Judy Ridgeway hat vier Bücher über Olivenöl geschrieben, darunter „Judy Ridgway’s Best Olive Oil Buys Round The World“. Immer begeistert davon, ihr Wissen über Olivenöl weiterzugeben, leitet Ridgway regelmäßig Verkostungs- und Genussveranstaltungen in London und Brighton. Michael North, alias „The Olive Oil Man“, ist ein weiterer Verfechter. Mitglieder von Norths „Seasonal Fresh Olive Oil Members Club“ genießen frische Öle, die von North selbst sorgfältig ausgewählt wurden.
Auch im Vereinigten Königreich werden Artikel über Olivenölverkostungen immer häufiger. Nationale Publikationen wie „The Guardian“ und „The Independent“ berichten ihren Lesern eifrig über die „Zehn besten Olivenöle“ und darüber, „wie man erkennt, ob das Olivenöl echt ist“. Der „Olive World Almanac“ – mit Verkostungsnotizen, Beschreibungen der Olivensorten, Rezepten und vielem mehr – wird bei jeder Ernte aktualisiert und ist für britische Olivenöl-Liebhaber so etwas wie eine Bibel geworden.
Der britische Feinschmecker von heute lässt sich weitaus seltener mit minderwertigem Olivenöl abspeisen als noch vor weniger als einem Jahrzehnt. Und die Briten haben sich während der öffentlichen Empörung über das kurzlebige EU-Verbot von unbeschrifteten Olivenölkrügen auf Restauranttischen besonders lautstark zu Wort gemeldet. Zum ersten Mal in seiner Geschichte kann das Vereinigte Königreich von sich behaupten, eine echte Leidenschaft für hochwertiges Olivenöl in seiner reinsten Form zu hegen.